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Die Welt sehen, wie sie ist

Wenn die Zeiten unsicherer werden, wächst das Bedürfnis nach einer Perspektive. Das ist normal. Wenn die Lebensgrundlagen auf dem Treibsand der Veränderung zusammenzubrechen drohen, verstärkt sich die Suche nach gesicherten Fundamenten für die Gestaltung der Zukunft. Das geistige Leben der Gesellschaften gerät in Bewegung, teilweise in hektische Betriebsamkeit. Lösungen müssen her, damit das Leben einen freundlichen Ausblick bieten kann.

Viele suchen die Lösung in der Vergangenheit, nehmen gerne Anleihen bei Denkern und Philosophen vergangener Zeiten. Diese Rückgriffe auf Weisheiten der Vergangenheit werden schnell wirkungslos, weil sie keine Lösung bieten für die Probleme der Gegenwart. Diese Weisheiten sind vergangene Weisheiten, die wohl gelegentlich Berührungspunkte mit unserer jetzigen Zeit haben, aber nur Berührungspunkte. Die Grundlagen dieser Gesellschaften, denen dieses Denken entsprungen ist, waren andere als die Grundlagen unserer heutigen. Es sind nur die Äußerlichkeiten, die sich decken mit den Erscheinungen, die uns in unserer heutigen Welt beschäftigen. Und auch diese Ähnlichkeiten sind wie die Ähnlichkeit von Zucker und Salz. Sie sind nur solange ähnlich, wie man sie nur oberflächlich und von außen betrachtet. Bei nur wenig intensiverer Auseinandersetzung mit Zucker und Salz wird sehr schnell ihre Verschiedenheit offensichtlich.

Wieder andere nehmen Anleihen bei Religionen, Sekten, den Glaubenswelten anderer Kulturen wie Schamanentum, Maya-Kalender und ähnlichem, was gerade mal die Konjunktur eines Kometen hat – schneller Aufstieg, hell leuchtendes und alles überstrahlendes Verglühen und ebenso schnelles Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Hierbei handelt es sich um Rückgriffe auf Entwicklungsschritte der Menschheit, die aber in der heutigen Gesellschaft bereits überwunden sind. So wie das Fahren mit Postkutschen eine willkommene Abwechselung für die Freizeitgestaltung am Wochenende sein kann, so sind sie aber für den heutigen Alltagsgebrauch vollkommen untauglich geworden. Dennoch ist die Postkutsche ein wichtiger Entwicklungsschritt in der Geschichte der Menschheit gewesen und muss als solcher geachtet werden wie auch die Errungenschaften untergegangener Kulturen.

Die meisten suchen jedoch Halt in Entwürfen für die Zukunft. Sie machen sich Gedanken über die Welt, wie sei sein müsste, sein sollte, sein könnte. Sie entwerfen Modelle über eine zukünftige, eine erstrebenswerte Welt, die sich deckt mit den Idealen und Werten, die man für die richtigen hält. Da geht es dann um geldlose Gesellschaften oder Marsbesiedlungen. Diese Denker werden oft als Visionäre bezeichnet. Aber ihre Visionen halten meistens nicht lange und werden oft sehr schnell ersetzt durch neue Visionen neuer Visionäre oder lösen sich auf im Streit der Visionäre untereinander darüber, welche Vision die richtige oder leichter umsetzbare ist.

All diesen Ansätzen ist gemeinsam die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die sachgerechte Analyse der Gegenwart wird ersetzt durch die Schaffung von Gegenwelten. Weltbilder, entnommen aus der Vergangenheit oder Zukunft, werden als Ersatz angeboten für die unbefriedigende aktuelle Welt. Die Gegenwart mit den Kräften, die in ihr wirken, ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln.

Aber gerade die Gegenwart ist der Zustand, wo die Vergangenheit Zukunft werden will. In ihr werden die Erfahrungen der Vergangenheit umgewandelt in die Möglichkeiten der Zukunft. Nur hier findet Wirklichkeit statt, nur hier ist Veränderung möglich. Die Vergangenheit ist vergangene Wirklichkeit, weshalb auch die Vergangenheit im Nachhinein nicht mehr verändert werden kann. Die Zukunft ist vermutete Wirklichkeit, Spekulation. Allein die Gegenwart wird bestimmt von der Wirklichkeit, das heißt von der Summe der Kräfte, die in einer Situation WIRKEN und sie bestimmen. Deshalb ist auch nur die Gegenwart „wirkliche“, d.h. beeinflussbare, gestaltbare Wirklichkeit.

Natürlich ist es sinnvoll, sich über die Entwicklung der Welt und unseres Lebens in ihr Gedanken zu machen. Nur macht es keinen Sinn, sich darüber auszulassen, wie die Welt sein sollte oder wie das Leben wäre, wenn die Umstände nicht so wären, wie sie sind. Ebenso wenig macht es Sinn, die Verhältnisse zu verherrlichen, wie sie einmal waren.

Es macht nur Sinn zu erkennen, wie die Welt heute IST. Denn im Erkennen der Wirklichkeit, der „wirklichen“ Wirklichkeit, nicht der gewesenen oder zukünftig vermuteten, liegt auch schon die Antwort darauf, wie die Welt anders werden muss, damit sie den Menschen Zukunft bieten kann.

Dabei ist das Wahrnehmen und Erkennen der Wirklichkeit der schwierigste Teil der Übung. Denn der Mensch betrachtet die Welt nicht vorurteilsfrei, sondern durch die Brille seines Weltbildes. Er projiziert seine Vorstellung von der Welt auf die Welt selbst. Das ist normaler Vorgang im Lernprozess. Man vergleicht seine Vorstellung von der Welt mit der realen Welt. Passen beide zueinander, so stimmt das Bild, das man sich von der Welt macht, überein mit der Welt, wie sie IST. Nur sehr häufig werden die Signale nicht ernst genommen, die von der Welt zurückgesendet, reflektiert werden, wenn sie nämlich darauf hinweisen, dass eine Diskrepanz besteht zwischen unserer Vorstellung über die Welt und ihrem wirklichen Gesicht. Wie geht man dann damit um? Stellt man dann das eigene Weltbild in Frage und überprüft die eigenen Vorstellungen oder werden die Hinweise auf Fehleinschätzungen ignoriert oder zurechtgebogen nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Bis zu Galilei und Kopernikus galt die Erde den Menschen als Scheibe und als Mittelpunkt des Universums, um den sich alle anderen Himmelskörper zu drehen schienen. Und da über die Jahrhunderte sich dieses Weltbild als richtig erwiesen zu haben schien, waren Zweifel nicht angebracht. Ähnliches galt bis vor kurzem noch auch für Greenspans Theorie, dass mit der Geldpolitik die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus überwunden worden sei. Wer an diesen „unzweifelhaften“ Erkenntnissen zweifelte, erntete das Kopfschütteln der sogenannten Fachwelt und der nachplappernden Laien.

Aber die Entwicklung des Menschen schreitet voran und bringt zum Einsturz, was als unerschütterlich galt. Erkenntnisse, die für die Ewigkeit halten sollten, wurden schon bald fragwürdig, und tausendjährige Reiche zerfielen schon nach zwölf Jahren.

Heute weiß jeder, dass die Erde keine Scheibe ist und auch nicht der Mittelpunkt des Universums, und wer es bezweifelt, erntet den Spott, den früher die traf, die dieses behaupteten. Und auch Greenspans Botschaft von der heilsamen Wirkung der Geldpolitik hat sich herausgestellt als das, was sie war, eine (Selbst)Täuschung über die Wirklichkeit. Einige Zeit hatte diese Täuschung aufrechterhalten werden können, bis die Wirklichkeit selbst diese Täuschung in einen Scherbenhaufen verwandelte. Auch hier hatte gegolten: Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

Wirklichkeit ist nicht gleich Wahrheit, aber die Wahrheit will Wirklichkeit werden. In der Auseinandersetzung um den Irakkrieg hatten sich in der Welt die Kräfte durchgesetzt, die unter Verwendung von Halbwahrheiten und Lügen auf den Krieg hinarbeiteten. In dieser Situation waren Lüge und Täuschung die Wirklichkeit, nicht die Wahrheit. Die meisten Menschen auf der Welt wussten oder ahnten, dass es sich bei den von den USA vorgetragenen Kriegsgründen um Lügen handelte, aber sie konnten keinen bestimmenden Einfluss nehmen auf die Wirklichkeit. Der Krieg fand statt, gegen die Wünsche und Interessen der Mehrheit. Die Macht und die Interessen der USA und der Koalition der Willigen bewirkten mehr als die Interessen der Menschheit nach Frieden und Wohlergehen.

Und Ähnliches gilt für die Gesellschaften, in denen die Mehrheit der Menschen leben. Deren Bedürfnis nach Sicherheit ihrer Lebensgrundlagen gerät immer mehr in Widerspruch zu dem herrschenden wirtschaftlichen System des Kapitalismus, das die Grundlage der meisten Gesellschaftssysteme auf unserem Planeten ist. Der Kapitalismus mit all seinem Reichtum ist immer weniger in der Lage, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und nicht nur das. Er ist auch immer weniger in der Lage, dem schöpferischen Potential der Menschen, ihrer Genialität Raum zu geben. Er kann immer weniger Ausblick bieten in eine Welt, in der gerade diese Genialität der gesellschaftlichen Entwicklung neuen Schub geben könnte, neue Kräfte freisetzen könnte zu einer menschenfreundlichen Umgestaltung und Entwicklung von Gesellschaft und Natur. Im Erkennen des Widerspruchs zwischen den wirklichen Lebensumständen der Menschen und ihren Bedürfnissen liegt der Schlüssel zur Veränderung. Dazu bedarf es aber genauer Beobachtung, um herauszufinden, wohin sich die Welt und die Gesellschaften entwickeln. Wofür stehen Erscheinungen wie die Kriege in Irak und Afghanistan, die Unruhen im arabischen Raum, die Menschenrechtskampagnen des Westens gegen Russland und China? Man kann das verurteilen, Partei ergreifen für die Menschenrechte, Partei ergreifen gegen die Kriege, sich moralisch empören und verurteilen. Das ist zwar redlich, ändert aber wenig. Viel wichtiger ist zu erkennen, was sich in all diesen Erscheinungen andeutet. Was drückt sich aus? Welche Entwicklung ist da im Gange? Was will da Wirklichkeit werden? Wie kann mit den vorhandenen Kräften Einfluss genommen werden auf diese Entwicklungen, damit sie zum Wohle der Menschheit geraten? Und was kann unter den gegebenen Umständen unternommen werden, damit die Kräfte stärker werden, die eine andere, eine menschenfreundlichere Welt wollen?

Es bleibt dem Menschen nichts anderes übrig als in der Gegenwart zu leben und aus der Gegenwart heraus die Zukunft zu gestalten. Aber wir können nur DIE Zukunft gestalten, für die die Voraussetzungen in der Gegenwart schon vorhanden sind. Nur, es reicht nicht, sie zu erkennen, sondern wenn die Möglichkeiten erkannt sind, gilt es auch, sie beherzt in eine bessere Zukunft umzusetzen.

Die entscheidenden Akteure dafür sind nicht die Politiker und Visionäre welcher Couleur auch immer, sondern diese unauffälligen Menschen, die sich um das Gesumm in der Welt immer weniger kümmern. Es sind die Menschen, die durch ihre alltägliche, zuverlässige und unauffällige Arbeit dafür sorgen, dass trotz des mitunter kopflosen Aktionismus der Politiker und trotz der Erschwerung der Arbeitsbedingungen unter dem Diktat der Rendite die Gesellschaft weiter funktioniert. Es sind die Menschen, die dafür sorgen, dass Busse und Züge fahren, dass Häuser gebaut und Kranke geheilt werden, dass Abflussrohre nicht verstopfen und die Brötchen pünktlich in der Auslage liegen. Es sind diese kleinen bescheidenen und unauffälligen Leute, die die Räder der Gesellschaft am Laufen halten und die aber auch die Macht hätten, diese Räder zum Stillstand zu bringen. Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Sie sind die Hefe im Teig. Sie treiben die Entwicklung oder nicht. Und weil sie im Moment nichts unternehmen, ist auch überall Stillstand in der gesellschaftlichen Entwicklung.

http://www.theintelligence.de/index.php/gesellschaft/zeitgeist/4220-die-welt-sehen-wie-sie-ist.html

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