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Weltuntergang auf Biegen und Brechen

Man kann ja in den linken Foren und Postillen viel Blödsinn lesen, gerade was die Vorgänge in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten betrifft. Der Beitrag von egester ist in dieser Hinsicht eine unübertroffene Meisterleistung. (linkezeitung.de/2017/03/29/us-dollar-abverkauf-china-japan-belgien-die-schweiz-und-saudi-arabien-werfen-milliarden-auf-den-markt/) Da paaren sich Rechthaberei mit unglaublichem gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Unwissen. Wenn egester so genau weiß, was die Zukunft bringt, sollte er Lotto spielen, dann steht er nicht so sehr unter Druck, die Wirklichkeit in den Zwangsrahmen seiner hinausposaunten Prognosen zu pferchen.

Denn bei genauer Betrachtung hätte auch egester feststellen können, dass der Dollar so stark ist wie schon lange nicht mehr (http://www.ariva.de/euro-dollar-kurs/chart?t=all&boerse_id=130) und dass er wie alle anderen Handelsobjekte auch immer Schwankungen unterlegen hat. Ein Zeitraum wie die wenigen Monate seit der Wahl Trumps steht in etwa demselben Verhältnis zur Existenz des Dollar-Euro-Verhältnisses wie das menschliche Leben zu der bisherigen Lebensdauer der Erde. Es ist eine Momentaufnahme, aus der sich weder eine Tendenz ableiten noch apokalyptische Prognosen erstellen lassen. Wenn wir den Dollar über einen längeren Zeitraum betrachten, dann ist das, was derzeit sich zeigt, eine Episode. Denn selbst bei der kurzfristigeren Betrachtung des letzten halben Jahres liegt er immer noch in der normalen Bandbreite der Schwankungen. Aber genaue Beobachtung macht egester nicht, weil sonst seine Prophezeiungen sich als das herausstellen, was sie in Wirklichkeit sind: unseriöse Hirngespinste.

Noch weltfremder wird es, wenn er orakelt: „ … der US-Dollar wird ausverkauft und im Anschluss zum Abschuss freigegeben.“ Hier offenbart sich haarsträubendes Unwissen über die Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaft einerseits und eine sehr starke Autoritätsorientierung im Denken andererseits. Wenn unter anderen China für 188 Mrd. Dollar amerikanische Anleihen verkauft, dann hat das nichts mit dem Ausverkauf des Dollars zu tun. Denn die US-Treaseuries lauten ja auf Dollar. Es werden bei diesem Verkauf erst einmal nicht US-Bonds in eine andere Währung umgewandelt, sondern sie bleiben durch den Verkauf im Dollar-Rahmen, es sei denn, sie werden in einer anderen Währung ausgezahlt. Es wird quasi Streuzucker in Würfelzucker umgewandelt. Aber es bleibt Zucker.

Wenn Staaten wie China, Japan usw. Anlagen auflösen, die auf Dollar lauteten, dann in erster Linie, weil sie nationale Interessen verfolgen und nicht, wie egester glaubt, weil sie unter der Fuchtel irgendwelcher mysteriöser Geheimbünde, Organisatoren oder „tiefer Staaten“ stehen. Ein Grund für solche Kapitalmaßnahmen kann unter anderem sein, dass sie nicht mehr so viele Anleihen halten wollen, weil sie die Entwicklung in den USA unter Trump nicht genau einschätzen können. Im Falle Chinas ist aber wahrscheinlicher, dass US-Anleihen auflöst werden, um an flüssige Mittel zu kommen. Denn gerade China tritt international als einer der größten Investoren im Dollar-Raum auf. Und um im Dollarraum oder weltweit zu investieren, braucht es Dollar. Es findet also eine Umschichtung chinesischer Anlagen statt von amerikanischen Staatspapieren in Produktionsanlagen, Unternehmensbeteiligungen oder Immobilien. Aber die wirklichen Hintergründe müssten genau untersucht werden, anstatt lauthals in die Welt hinein zu spekulieren und Weltuntergangs-Legenden zu spinnen.

Und dann: Wer soll denn den Dollar zum Abschuss freigeben? Was ist denn das für ein wirres Verständnis von Wirtschaft? Wer soll denn das sein, der liebe Gott, Trump, Yellen, egester? Wer hat die Autorität oder die Macht, den Dollar zum Abschuss freizugeben? Und was bedeutet das: zum Abschuss freigeben? Was soll das sein: der Abschuss? Was soll da praktisch passieren? Wie stellt sich ein egester das vor? Werden alle Dollars eingesammelt und verbrannt, werden sie auf den Mond geschossen? Wer soll denn die Weltleitwährung „abschießen“ können, eine Währung, die bis in den letzten Winkel der Erde verbreitet ist. Welcher wirtschaftliche, (währungs-)politische oder kapitalmarkttechnische Vorgang soll das sein, der einem „Abschuss“ gleichkäme? Hat egester überhaupt eine Verstellung von dem, worüber er da schwadroniert?

Und selbst wenn es diesen Jemand gäbe, der die Autorität hat, den Ausverkauf und Abschuss des Dollars anzuordnen, so geht der Ausverkauf einer Währung doch nur, wenn auf der Gegenseite auch ein Käufer auftritt. In diesem Falle aber würde doch der Käufer sich über diese Anordnung zum Ausverkauf und Abschuss der Währung hinwegsetzen. Das heißt, der große Zampano, der den Abschuss des Dollars anordnete, würde sich selbst durch diesen Vorgang ad absurdum führen. Denn er würde einen Vorgang anordnen, der seinem Ansinnen entgegenlaufen würde, der Abschaffung des Dollars durch den Ausverkauf. Die unterstellte Aufforderung zum Ausverkauf des Dollars, würde gerade seinen Fortbestand sichern durch die Fortsetzung des Dollarhandels.

Bei diesem Vorgang, den egester als Ausverkauf bezeichnet, würde der Dollar nicht verschwinden, sondern nur durch den Verkauf den Besitzer wechseln. Denn Verkauf, auch Ausverkauf, geht nur bei gleichzeitigem Ankauf bzw. Aufkauf. Der Dollar bliebe erhalten.

Es würde auch nichts ändern, wenn er verschwände. Denn die hochentwickelte kapitalistische Wirtschaft kann ohne Geldsystem nicht existieren, in welcher Form auch immer es auftritt, ob als Dollar, als Gold oder als sonstige Währung. Selbst in Ländern wie Simbabwe, wo die eigene Währung inzwischen aufgelöst wurde, treten an die Stelle des Geldes andere Zahlungsmittel wie Gutscheine oder Notgeld wie in der Weimarer Republik im Inflationsjahr 1923. Denn Kapitalismus ohne Geldwirtschaft geht nicht. Und alle alternativen Modelle, die sich da irgendwelche Weltendesigner in ihren ungelüfteten Studierstuben ausdenken, sind entweder weltfremdes Wolkenkuckucksheim, das nicht funktioniert und deshalb nicht angenommen wird, oder der Ersatz des Geldes durch andere Systeme, die diese Funktion übernähmen.

Abgesehen von diesen wirtschaftlichen Zusammenhängen, die ein egester nicht sieht und schon gar nicht zu verstehen scheint, will keine der Interessengruppen auf der Welt den Zusammenbruch des Dollars, was gleichbedeutend wäre mit dem Ende des Weltwährungssystem mit unvorhersehbaren gesellschaftlichen Verwerfungen. Das Gerede von „tiefem Staat“, der hinter all dem stecken soll, ist wirres Zeug, weil man die Zusammenhänge nicht erkennt oder versteht. Aber anstatt die Verhältnisse und gesellschaftliche Situation zu analysieren und materialistisch zu durchdringen, werden Begriffe geschaffen, die nichts erklären und nur noch mehr Verwirrung stiften.

Die egesters sollen nicht glauben, dass die revolutionäre Situation, die sie sich herbei wünschen, umso schneller heranreift, je düsterer die Farben sind, in denen sie ihre Sichtweise von Gesellschaft und Welt vortragen. Sie sollen auch nicht glauben, dass sie in den Augen der Bevölkerung den Ruf von Kompetenz und Führungsqualität erlangen, nur weil sie Prognosen machen, die sie durch das Verbiegen der Wirklichkeit als richtig erscheinen lassen. Man kann sich die Wirklichkeit zurechtbiegen, aber die Welt ist und bleibt eine Kugel, keine Scheibe. Die egesters täuschen sich selbst über die Wirklichkeit. Aber das hat keinen Einfluss auf die Wirklichkeit, nur auf die egesters. Aber mit diesem Vorgehen entfernen sie sich immer mehr von denen, die sie vorgeben erreichen zu wollen, die Bevölkerung. Sie werden unglaubwürdig, weil sie die Vorgänge in der Gesellschaft nicht erklären so können, dass diese Vorgänge verständlich, das heißt der Wirklichkeit entsprechend, werden. Die egesters lassen sich nämlich nicht ihre schönen Theorien von der Wirklichkeit kaputt machen.

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