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Nord-Korea: Unglück oder Glücksfall?

Drohungen der USA gegen Nord-Korea sind keine Seltenheit sondern ein regelmäßiges Ritual seit dem Ende des Korea-Krieges mit dem unrühmlichen Rückzug der GIs. Tausende von toten amerikanischen Soldaten, Millionen tote Koreaner und ein verwüstetes Land waren das Ergebnis dieses Krieges, der nach all den Opfern nichts weiter gebracht hatte als die Bestätigung des Status Quo. Das Land blieb in etwa entlang derselben Linien geteilt, wie es bereits vor dem Kriege der Fall gewesen war. Dennoch haben die Amerikaner es den Koreaner nie verziehen, dass ein kleines unbedeutendes Volk am Rande der Welt die amerikanischen Allmachtsträume zerstört hat wie Jahre später die Vietnamesen. Beide Völker offenbarten den USA die eigene Selbstüberschätzung. Sie hatten trotz gewaltiger militärischer Überlegenheit gegen die Opferbereitschaft dieser Völker nichts ausrichten können und mussten sich mit blutiger Nase aus Ostasien zurückziehen. Strategisch haben die USA sich nie wieder von diesen Niederlagen erholt. Der Osten Asiens ist für die USA ein verschlossenes Gebiet, und ohne den Partner Japan hätten sie kaum noch Zugriff auf diese Region.

Einzig Südkorea blieb amerikanischer Brückenkopf auf dem Festland. Aber trotz des relativen Wohlstands ist das Land politisch sehr instabil, wie die wiederholten Unruhen zeigen, die seit der Teilung der Halbinsel immer wieder den Südstaat erschütterten, so auch die jüngsten Proteste um die Korruptionsvorwürfe gegen die südkoreanische Präsidentin. Und trotz seiner Armut hinterlässt der Norden den Eindruck größerer gesellschaftlicher Stabilität und Geschlossenheit. Dennoch haben die USA den Plan nie aufgegeben, im Osten Asiens wieder eine bedeutende Machtposition zu erreichen, um den Zugang zu den Märkten nach ihren Bedingungen zu gestalten. Da China und Russland militärisch und wirtschaftlich zu stark sind, um in alter Kanonenboot-Manier sich den Zugang zum Festland und dessen Märkte zu erzwingen, bleibt einzig der Versuch der Destabilisierung des kleinen und wirtschaftlich verwundbaren Nord-Korea.

Das scheint der Hintergrund zu sein für die Politik der USA und des Westens gegenüber diesem eigentlich doch relativ unbedeutenden Land. Wie man die Sowjetunion und das sozialistische Lager Europas in die Knie gezwungen hatte, so versuchte man, auch Nord-Korea durch ständige militärische Bedrohung zu Verteidigungsausgaben zu zwingen, die die Entwicklung des Landes behindern sollten. Es stand auf der Liste der Schurkenstaaten, die der dümmliche Präsident Reagan eingeführt hatte, und gehörte auch zu der Achse des Bösen des ebenso dümmlichen Präsidenten W. Bush. Das reichte als Rechtfertigung aus, das Land zu bedrohen, ohne dass es selbst andere bedrohte, so lange man es in Ruhe ließ.

Mit dem Beginn des nord-koreanischen Atom- und Raketenprogramms und deren erfolgreichen Tests mussten die Amerikaner feststellen, dass ein Angriff auf das Land schwieriger geworden war, ja dass sie mit der Entwicklung weitreichender Raketen selbst zum Ziel nord-koreanischer Bedrohung geworden waren. Die größte Atommacht der Welt, die bisher schon zweimal Atomwaffen gegen Japan eingesetzt hatte, verurteilte mit ihren Verbündeten, die alle zusammen über ein Mehrfaches des nord-koreanischen Potentials verfügten, das nord-koreanische Vorgehen als eine Bedrohung für den Weltfrieden.

Mit dem Wechsel in der Außenpolitik Trumps geriet nun auch Nord-Korea wieder in den Focus amerikanischer Bevormundung. Der größten Raketenbesitzer der Welt wollte dem von ihm bedrohten Land den Test neuer Raketen verbieten und fand natürlich die empörte Unterstützung der anderen großen verbündeten Raketenmächte. Die Situation spitzte sich zu als pünktlich zum Termin des vorgesehenen nord-koreanischen Raketentest Amerikas Vizepräsident Pence Südkorea besuchte, das zeitgleich Manöver zusammen mit den amerikanischen Streitkräften abhielt. Die Drohungen der USA waren ernst zu nehmen, da sie kurz zuvor Syrien mit Marschflugkörpern angegriffen und über Afghanistan die „Mutter aller Bomben“ mit bisher nie gekannter nicht-atomarer Sprengkraft getestet hatten.

Auch China, das sich seit einigen Jahren mit den verstärkten Anstrengungen der USA konfrontiert sieht, im Chinesischen Meer und Pazifik, also vor Chinas Küsten, Brückenköpfe zu errichten, mahnte Nord-Korea zur Zurückhaltung. Bisher hatte der große Nachbar immer die schützende Hand über das Land gehalten, wollte China doch selbst eine Ausweitung amerikanischen Einflusses auf der koreanischen Halbinsel verhindern. Jedoch wie alle anderen Staaten auch will Nord-Korea sich nicht vorschreiben lassen, welche Politik und Maßnahmen es auf seinem eigenen Territorium durchführen darf. Es will sich verständlicher Weise weder von China noch von den USA in seiner Souveränität einschränken lassen. Andererseits will es aber auch den USA und dem verbündeten Japan und Süd-Korea keinen Anlass oder Vorwand bieten, die vielleicht in kriegerischen Auseinandersetzungen münden könnten. Denn der neue Herr in Washington ist schwer einzuschätzen und sehr sprunghaft. Zudem scheint es ihm an Realitätssinn zu mangeln, und noch ist unklar, welche Kräfte im Hintergrund die Handlungen von Präsident und Militär beeinflussen.

Die Koreaner ließen sich nicht in ihren Entscheidungen von anderen Kräften unter Druck setzen. Sie wollten aber auch keinen größeren Konflikt riskieren. Der Raketentest wurde wie geplant vorgenommen. Die Rakete startete und … explodierte. Welch ein glücklicher Unfall! Es wird wohl wenige derartige glückliche Unfälle gegeben haben in der Geschichte. War es wirklich ein Unfall oder war es doch eher ein Glücksfall, dass die Rakete explodierte? Oder war es nicht vielleicht der geschickte Steinwurf des kleinen David, der den hochgerüsteten, aufgeblasenen Goliath an seiner empfindlichsten Stelle traf?

David Nord-Korea, gewohnt mit der Jahrzehnte langen Bedrohung und Unterlegenheit zu leben, hat mit List und Schläue den Riesen USA schachmatt gesetzt. Der Test hat stattgefunden, wie geplant und unbeeindruckt von der Drohung aus Washington. Aber er hat keine politischen Erschütterungen hervorgerufen. Dem Riesen in Washington sind die Waffen aus der Hand geschlagen worden. Mit welchem Grund sollte er denn nun noch dem kleinen David an die Gurgel gehen? Wieder ist der tumbe Riese USA am Nasenring seiner eigenen Überheblichkeit durch die Manege und der Öffentlichkeit vorgeführt worden wie vor wenigen Jahren, als Lawrow und Assad US-Außenminister Kelly dumm dastehen ließen, indem sie einfach das syrische Giftgas vernichteten und damit den Amerikanern den Vorwand aus der Hand schlugen, Assad anzugreifen. Auch damals hatten sich die Amerikaner nicht vorstellen können, dass der Russe und der Syrer im Interesse des Friedens den amerikanischen Vorschlag annehmen könnten. Die Amerikaner werden Opfer ihres eigenen Denkens, denn sie glauben, dass alle anderen genau so denken und handeln wie sie selbst. Sie können sich  nicht vorstellen, dass andere es ernst meinen mit Lösungen, die den Interessen aller Beteiligten gerecht werden.

Vielleicht aber ist die Explosion der nord-koreanischen Rakete tatsächlich ein Unfall gewesen.

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