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Afghanistan: Die Antwort auf die Bombe?

Am 13.4.2017 zerriss die „Mutter aller Bomben“, abgeworfen von einem amerikanischen Flugzeug, den Himmel über Afghanistan. Ihr fielen laut offiziellen Angaben etwa hundert Menschen zum Opfer, angeblich alles Kämpfer, keine zivilen Opfer. Aber die Richtigkeit dieser Behauptungen überprüfen, konnte bisher noch niemand, auch nicht das Ausmaß der Zerstörungen, die diese Megabombe am Tunnelsystem der Angegriffenen angerichtet haben sollen. (http://www.antikrieg.com/aktuell/2017_04_24_auswirkungen.htm)

Aber nicht nur das ist unklar. War zu Beginn des Kampfes gegen den Terror und zu Lebzeiten Bin Ladens Al Kaida der Feind und Träger des Terrors, so verliert der Beobachter der Vorgänge allmählich den Überblick. Denn nach dem Tode Bin Ladens nahm Al Kaida in der westlichen Darstellung immer weniger Raum ein als Hauptfeind, dafür aber zunehmend die Taliban. Nun soll auf einmal der IS in Afghanistan an Einfluss gewinnen, wovon bis zum Abwurf der amerikanischen Bombe noch nie die Rede gewesen ist (http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_80893932/usa-mutter-aller-bomben-toetete-in-afghanistan-94-kaempfer.html). Das ist alles sehr verwirrend, wobei die Berichterstattung der westlichen Medien und die Pressekonferenzen der Regierungen wenig Erhellendes bringen.

War die Bombe zwar eingesetzt worden gegen die Aufständischen in Afghanistan (Al-Kaida?, Taliban?, IS?), so war sie aber auch gedacht als Warnung gegen Nordkorea, vermutlich auch gegen China und Russland, die von der amerikanischen Administration als Verbündete Nord-Koreas angesehen werden. Der amerikanische Präsident wollte vermutlich Handlungsfähigkeit und Entschlossenheit beweisen in militärischen und strategischen Fragen, hatte er doch im eigenen Land bisher nur Niederlagen hinnehmen müssen.

Die großmäuligen Ankündigungen des Wahlkampfes hatten sich als Versprechen herausgestellt, die alleine auf seiner realitätsfernen Einschätzung der politischen Wirklichkeit beruhten. Seine Einwanderungserlasse kassierten die Gerichte, bei der Abschaffung von Obama-Care ließ ihn seine Partei im Stich. Die Maßnahmen zum Schutze der amerikanischen Wirtschaft stellten sich immer mehr als Schaden für die Konkurrenzfähigkeit amerikanischer Produkte heraus, und nun muss er auch noch den Bau der Mauer zu Mexiko verschieben, weil sonst Zahlungsunfähigkeit droht.

Um nicht gänzlich als zahnloser Papiertiger dazustehen, versucht er militärische Stärke zu zeigen, um wenigstens seinen militaristischen Anhängern im eigenen Lande zu imponieren. Marschflugkörper gegen Syrien, Drohgebärden und ein Schiffsverband gegen Nord-Korea, der sich dann aber verirrt haben muss, und die Mutter aller Bomben gegen das vermeintlich wehrlose Afghanistan.

Dabei hatte man sich offenbar keine Gedanken gemacht über die politischen Auswirkungen eines solchen Angriffs. Glaubte man, die Aufständischen damit einschüchtern zu können, so lässt eine solche Absicht an der politischen Weitsicht der Handelnden zweifeln. Denn die Bombe erschütterte nicht nur das Tunnelsystem der Aufständischen. Sie richtete auch schwere Schäden in der afghanischen Gesellschaft.

Am Freitag, den 21.4.2017, überfielen zehn Taliban-Kämpfer das regionale Armeehauptquartier im Norden des Landes und töteten bei ihrem Angriff weit über 100 Soldaten der afghanischen Armee (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.4.2017: Das Kalkül der Taliban ist aufgegangen). Nach Darstellung der FAZ hat aber nicht der IS sondern die Taliban an Einfluss gewonnen und zitiert dabei McMaster, den Sicherheitsberater Trumps: „ … die Taliban hätten nach dem Abzug der amerikanischen Truppen ihren Kampf verstärkt“. Wer ist denn nun die wirkliche Gefahr in Afghanistan, Al Kaida, Taliban oder IS?

Die FAZ stellt keinen Zusammenhang zwischen dem Abwurf der Bombe und dem Anschlag auf das Militärcamp her. Offensichtlich ist aber, dass ihr Einsatz keine abschreckende Wirkung auf die Aufständischen gehabt und sie nicht in der Verfolgung ihrer militärischen und strategischen Ziele beeinflusst hat. Sie waren darüber hinaus sogar in der Lage, einen harten Gegenschlag gegen die afghanische Armee auszuführen und diese in ein mehrstündiges Gefecht zu verwickeln. Insofern hat der Abwurf der Bombe für die afghanische Regierung mehr Schaden angerichtet, als dass sie ihr einen wesentlichen Vorteil im Kampf gegen die Aufständischen erbracht hätte.

Der Anschlag gegen die afghanische Armee hat zum Rücktritt des Verteidigungsministers und des Stabschefs der Armee geführt und damit zu einer erheblichen Schwächung der Regierung im Kampf gegen die Aufständischen. Denn immerhin hatte es zwei Jahre gedauert, bis Regierung und Opposition sich endlich auf Abdullah Habibi als Verteidigungsminister hatten einigen können. Vermutlich wird die Handlungsfähigkeit von Regierung und Armee unter dem Rücktritt leiden und das in einer Situation, in der die Aufständischen immer mehr die Oberhand gewinnen in verschiedenen Regionen des Landes. „Die Taliban sind auf dem Vormarsch. … Zuletzt gelang es ihnen, einen strategisch wichtigen Distrikt in Helmand in Südafghanistan zu überrennen“, (https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-taliban-angriff-fuenfzig-tote-103.html).

Diese Fortschritte der Aufständischen müssen im Zusammenhang gesehen werden mit dem Ansehensverlust von Regierung und Armee in der Bevölkerung. So schreibt die FAZ vom 25.4.2017: „Das Vertrauen in die Regierung und die Streitkräfte ist erschüttert“. Sie erklärt diesen Vertrauensverlust mit den Zweifeln in Bevölkerung und Parlament: „Wie solle die Armee das Land schützen, wenn sie nicht einmal sich selbst schützen könne?“ Aber es stellt sich auch die Frage, was von einer Armee zu halten ist, die tatenlos zusehen muss, wie eine fremde Macht Bomben über dem eigenen Territorium abwirft und dabei afghanische Bürger tötet. Denn auch Aufständische haben Familienangehörige, Freunde und Bekannte, und bislang ist noch nicht erwiesen, dass es sich bei den Bombenopfern nur um Aufständische und nicht auch um Zivilisten handelt wie schon öfter geschehen bei Luftangriffen der multinationalen Truppen.

Die afghanische Armee selbst ist innerlich zerrissen und nicht sehr zuverlässig. „Selbst viele Soldaten wurden mit Äußerungen zitiert, die tiefes Misstrauen gegenüber ihren Vorgesetzten ausdrückten“ (FAZ vom 25.4.2017). Und offensichtlich verfügen die Aufständischen auch über Unterstützung innerhalb der Armee, da sie über die Fähigkeit verfügen, „Schläferzellen in die Reihen der Armee einschleusen zu können“ (FAZ ebenda). Aus diesem Grund landen beispielsweise Hubschrauber der NATO „… in einem besonders geschützten Areal, das nicht von einheimischen Sicherheitskräften, sondern von Soldaten der NATO-Mission rund um die Uhr gesichert wird“ (FAZ ebenda). Das wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der afghanischen Armee und das Verhältnis der NATO-Truppen zu dieser Armee.

Es stellt sich nun die Frage, wie unter solchen Umständen ein Krieg gewonnen werden kann, in dem Regierung und Armee wenig Ansehen in der Bevölkerung haben und nach über 10 Jahren westlicher Unterstützung offensichtlich immer noch nur durch diese aufrecht erhalten werden können.

In diesen Ereignissen der vergangenen Tage wird die Lage in Afghanistan offensichtlich. Die NATO-Verbände beherrschen den Luftraum und führen von dort aus ihren Krieg gegen Taliban und was sie von oben dafür halten. Am Boden gewinnen die Aufständischen immer mehr an Einfluss, geographisch wie anscheinend auch politisch. Wie aber Vietnam, Syrien und immer deutlicher auch Afghanistan zeigen, ist ein Krieg aus der Luft alleine nicht zu gewinnen. Man kann ein Land aus der Luft mit Bomben terrorisieren, aber nicht befrieden. Frieden bringen nur die Kräfte, die am Boden den Frieden herstellen und sichern.

Diese Aufgabe zu bewältigen, ist die afghanische Armee aus eigener Kraft alleine nicht in der Lage. Die Amerikaner vermeiden aufgrund der Erfahrungen in Vietnam den massiven Einsatz von Bodentruppen. Der Vietnam-Krieg ging in den USA verloren. Denn es war der eigenen Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln, wofür dieser Krieg geführt wurde, der immer mehr Tote forderte. Und auf Dauer wird man auch der amerikanischen Bevölkerung nicht vermitteln können, dass sie von einem Afghanistan oder Nord-Korea bedroht sind, die beide Tausende Kilometer von der eigenen Haustür entfernt liegen.

 

 

 

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