Allgemein

Irrlehren der Wirtschaftswissenschaft: Geldschöpfung (Teil 3)

Viele, besonders die neueren Theorien über die Geldschöpfung stiften Verwirrung, weil sie wenig mit der Realität zu tun haben, diese oftmals vollkommen ausblenden oder nicht wahrhaben wollen. Aber die Bedrohungen für das Finanzsystem kommen nicht aus der Geldschöpfung sondern haben ihre Ursachen in erster Linie in der Realwirtschaft.

Die Geldschöpfung, also die Schaffung neuen Geldes, erfolgt über die Notenbanken. Sie alleine haben die Hoheit des Gelddruckens. Dessen Einbringung in den Geldkreislauf erfolgt über die Geschäftsbanken, die das von den Notenbanken zur Verfügung gestellte Geld an Kunden weiter verleihen. Sie sind es wohl, die den Kredit schaffen, d.h. die Ausgabe von Geld an Kreditnehmer gegen Hinterlegung von Sicherheiten und die Zahlung von Zinsen. Aber dieses Geld, das sie verleihen, wird ihnen aus anderen Quellen wie Kundeneinlagen, Zentralbanken, Interbankenhandel und Eigenkapital zur Verfügung gestellt. Dafür zahlen sie diesen Geldgebern Zinsen. Sie schaffen also durch diesen Vorgang der Kreditvergabe kein neues Geld, denn sie besorgen es sich aus anderen Quellen. Sie stützen ihre Kreditvergabe auf vorhandenes.

Durch die Kreditvergabe an Kunden werden zwar Buchgeld und Sichteinlagen geschaffen, aber auch diese sind kein neues Geld, nur weil es nun einen anderen Begriff bekommen hat. Dieser Vorgang der Schaffung von Kredit, Buchgeld und Sichteinlagen ist finanztechnisch neutral. Denn was dem Konto des Kreditnehmers gut geschrieben wird, damit wird er auch gleichzeitig als Forderung belastet. Diese Beträge gleichen sich bilanztechnisch aus. Wenn am Ende der Kredit getilgt ist, ist auch die Forderung der Bank gegen den Kreditnehmer erloschen. Forderungen und die Zahlungen der Kreditraten gleichen sich gegenseitig wieder aus. Das einzige Geld, das in diesem Kreditvorgang neu geschaffen wurde, ist der Zinsbetrag, den die Bank als ihren Gewinn vereinnahmt. Aus diesem Vorgang aber entsteht keine Gefahr für das Geldsystem.

Würde die Geldschöpfung unterbunden werden, wäre die Folge die Stagnation des Wirtschaftswachstums bzw. das Ansteigen der Zinsen, wie es in den 1970er Jahren zu beobachten war, als die Bindung an die Golddeckung die Ausweitung der Verschuldung behinderte. Das starke Anwachsen der Inflation und der Leitzinsen führten zu einer Erscheinung, die die Wirtschaftswissenschaft als Stagflation bezeichnete. Zwar verzeichnete die Wirtschaft Wachstum, aber aufgrund der hohen Inflation und Zinsen blieb davon kaum Gewinn übrig, zumindest in der Realwirtschaft, wohl aber bei den Banken aufgrund der hohen Kreditzinsen. Hier, in der Verschuldung besonders der Realwirtschaft und des Staates, liegen die wirklichen Gefahren für das Finanzsystem.

Bei der Aufrechterhaltung und Ausweitung der Produktion kommt der moderne Kapitalismus nicht mehr aus ohne die Fremdfinanzierung von Investitionen. Die Kapitalmengen, die für Großprojekte benötigt werden, können in den meisten Fällen nicht aus den Rücklagen der Unternehmen erbracht werden. Das Risiko einer solchen Finanzierung ist recht problemlos, solange die wirtschaftlichen Entwicklungen sich so vollziehen, wie bei Aufnahme des Kredits angenommen.

Nun hat aber der Kapitalismus die unangenehme Eigenschaft, sich im konjunkturellen Auf und Ab zu bewegen. Es gibt also Zeiträume, in denen die wirtschaftliche Entwicklung hinter den Erwartungen zurück bleibt. Zudem erschwert eine weitere Eigenart des Kapitalismus ein planbares Wirtschaften. Das ist die Konkurrenz. Wirtschaften wird im Kapitalismus nicht von der gesamtgesellschaftlichen Vernunft bestimmt sondern von der privaten Renditeerwartung. Gesamtgesellschaftlich ist es nicht vernünftig, in der Autoindustrie Produktionskapazitäten aufgebaut zu haben, die 30% mehr Produkte ausstoßen können, als der Markt aufnimmt. Das bedeutet, dass 30% des investierten Kapitals unproduktiv sind, fehlinvestiert. Und die Autoindustrie ist nicht die einzige, in der solche unproduktiven Überkapazitäten herrschen. Das ist mittlerweile die Regel in allen Industriebereichen, siehe Siemens mit seinen Betriebs-Stilllegungen in der Kraftwerkssparte.

Ähnliches gilt für die Stahlindustrie, wo Thyssen-Krupp, die auch schon aus einer Fusion mit Kapazitätsabbau hervorgegangen sind, nun mit Tata fusionieren, um eine Bereinigung des Stahlmarktes zu ihren Gunsten zu bewirken. Das bedeutet, dass die Anpassung der Produktionskapazitäten an die Aufnahmefähigkeit der Märkte vollzogen wird unter Vernichtung von investiertem Kapital.

Solange es sich dabei um Eigenkapital handelt, ist das eher zu verkraften, auch wenn es die Rentabilität des Unternehmens belastet. Handelte es sich aber um Fremdkapital, das von Banken finanziert wurde, so sind weiterhin die Zinsen und Tilgungen zu zahlen. So hatte auch airberlin als jüngstes Beispiel einer solchen Entwicklung durch die angelaufenen Verluste aus Geschäftstätigkeit und Verbindlichkeiten eine Schuldenlast von zuletzt etwa 2 Mrd. Euro angesammelt. Die Gläubiger blieben weitgehend auf ihren Forderungen sitzen. Sie verloren Geld.

Der Konkurrenzkampf der Unternehmen untereinander führt zum Aufbau von Produktionskapazitäten, die dem Marktvolumen nicht entsprechen. Hier entstehen die Schuldenberge, die dann auch die Banken selbst in Schwierigkeiten bringen, besonders wenn in der Krise oder dem konjunkturellen Abschwung die Ertragskraft der Unternehmen einbricht und Schuldendienst nicht mehr geleistet werden kann. Auch sie gehören dann zu den Gläubigern, die Geld verlieren.

„Das Volumen an sogenannten zahlungsgestörten Krediten betrug Ende März [2017] laut EZB 921 Milliarden Euro in der Eurozone“ (FAZ vom 28.11.17: Weg für Abbau fauler Kredite). Bei diesen sind Tilgung und Zinszahlungen seit mehr als 90 Tagen überfällig, weshalb sie als faule Kredite eingestuft werden. Dabei handelt es sich nicht um staatliche sondern um Verbindlichkeiten von Unternehmen und Privaten. So meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Banken weichten „ihre Bedingungen für Unternehmens- und für Immobilienkredite weiter auf“ (FAZ vom 19.7.17: Banken lockern Kreditstandards). Man nimmt also höhere Risiken in Kauf, um mehr Kredite ausgeben zu können. „Die Zentralbank nennt als Triebfeder dieser Entwicklung den Wettbewerbsdruck“ (ebenda).

Besonders die griechischen und italienischen Banken sitzen auf hohen Beständen uneinholbarer Forderungen, weil deren Wirtschaft bei weitem noch nicht das Niveau erreichen konnte, das sie vor der Krise von 2008/9 hatte. Die nachlassende Konkurrenzfähigkeit und Ertragskraft dieser Volkswirtschaften erschwert die Bedienung der Verbindlichkeiten der Unternehmen gegenüber den Banken. Hinzu kommt die daraus folgende Schwäche der privaten Schuldner, die aufgrund der Schwäche der Wirtschaft nicht mehr über das Einkommen verfügen, um besonders die Immobilienkredite bedienen zu können. Aber auch Frankreich hat mit der nachlassenden Ertragskraft seiner Unternehmen und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Das Wohl und Wehe der Banken hängt an der Ertragskraft der Realwirtschaft, wovon auch die Zahlungskraft der Beschäftigten als Immobilienschuldner abhängig ist. Ist die Wirtschaft in der Lage, die aufgenommenen Kredite zu bedienen, dann wird sich auch der Bankensektor in Europa erholen. Sollte aber der bisher achtjährige konjunkturelle Aufwärtstrend bald einmünden in einen wirtschaftlichen Abschwung mit Insolvenzen und zunehmender Arbeitslosigkeit, so drohen neue Gefahren für die Finanzwirtschaft, die sich selbst in Deutschland noch nicht von den Nachwehen der Krise hatte erholen können.

Ist zwar die Realwirtschaft der Auslöser der Erschütterungen in der Finanzwelt, so ist das Bankenwesen selbst der Verstärker solcher Entwicklungen. Die vergangene Finanzkrise war durch die Maßnahmen der Staaten und Notenbanken bereits stabilisiert, hätten nicht die Schutzmaßnahmen der Geschäftsbanken zu einer Krise der Realwirtschaft geführt. Die Austrocknung des Interbankenhandels, herbeigeführt durch die Angst, von anderen Banken mit in den Abgrund gezogen zu werden, und die Kündigung von Krediten gegenüber Unternehmen haben die Realwirtschaft in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht.

All dies aber hat mit der Geldschöpfung nichts zu tun. Im Gegenteil hat das Fluten der Märkte mit frischem Geld gerade in der Finanzkrise von 2007/8 die Stabilisierung des Finanzsektors bewirkt und das Austrocknen des Handels unter den Banken, d.h. des gesamten Zahlungsverkehrs verhindert.

Die Krise ist nicht durch Geldschöpfung entstanden, nicht durch neu geschaffenes Geld. Sie ist vielmehr entstanden durch das Vorhandensein von überschüssigem Geld. Die Finanzkrise hatte ihre Anfänge in Geld, das nach Anlage suchte. Zu Beginn der 2000er Jahre herrschte Anlagenotstand, d.h. es gab nicht genug lohnende Investitionsmöglichkeiten, die den Renditeerwartungen der kapitalstarken Anleger und Investoren entsprachen.

Da die Realwirtschaft nicht mehr genug Ertrag erwirtschaften konnte aufgrund der hohen Überkapazitäten in den Produktionsanlagen, drängte das Geld in die Finanzmärkte. Billionen von Dollar, Yen und Euro schwirrten nach dem Fall der Finanzmarktregulierungen um den Erdball und suchten lohnende Anlageformen.

Diesem Bedürfnis der Investoren und Anleger trugen die Finanzinstitute Rechnung mit dem Ausbau bereits vorhandener Finanzinstrumenten, aber auch mit Neuentwicklungen. Sie bündelten Immobilienkredite in Form von Zertifikaten mit hohem Zins, die sie an die Börsen brachten. In diese Zertifikate und die anderen neuen Anlageformen floss das Geld der Anleger. Aber es war bereits vorhandenes, bereits erwirtschaftetes Geld. Es war genau das Geld, das die Kritiker der Banken und Notenbanken als das „wahre“ Geld ansehen. Es waren in den Anfängen gerade die Geldmengen, die nicht von den Notenbanken kamen oder auf Kredit aufgenommen waren. Das kam erst später gegen Ende des Hypes. Es war das Geld, das auf den Konten lag und das mehr werden sollte. Es war das Geld, das seine Besitzer übrig hatten. Es war das Geld, von dem die Besitzer und Investoren wollten, dass es mehr wird. Denn das ist die innere Triebkraft des Kapitalismus: Die Kapitalverwertung. Kapital wird investiert, um mehr Kapital zu schaffen.

Rüdiger Rauls Buchveröffentlichungen:

Wie funktioniert Geld? Buchbeschreibung

Kolonie Konzern Krieg – Stationen kapitalistischer Entwicklung Buchbeschreibung

Zukunft Sozialismus oder die Grenzen des Kapitalismus Buchbeschreibung

Die Entwicklung der frühen Gesellschaften-Die Geschichte Afghanistans Buchbeschreibung

Was braucht mein Kind? Buchbeschreibung

Späte Wahrheit (Prosa) Buchbeschreibung

Herausgeber von:

Imre Szabo: Die Hintermänner ( ein politischer Krimi)Buchbeschreibung

Imre Szabo: Die Unsichtbaren ( ein politischer Krimi)Buchbeschreibung