Leitlinien

 

Es geht um Erkenntnis.

Das ist schon alles. Aber andererseits ist das auch eine ganze Menge.

Denn das Streben nach Erkenntnis ist gewaltig unter die Räder gekommen, unter die Räder der Eitelkeit, der Selbstdarstellung, der Rechthaberei und der Besserwisserei.

Die Vorgänge in der Welt erschließen sich nicht ohne Erkenntnis. Der Königsweg zum Erkennen der Wirklichkeit ist Meinungsaustausch, d.h. der Austausch der Meinungen, nicht der Kampf der Meinungen. Sag du mir, wie du die  Welt siehst, und ich sage dir meine Sicht der Dinge. ICH sehe was, was DU nicht siehst.

Das ist das alte Kinderspiel, das auf der genauen Beobachtung der Welt um uns herum beruht. Es schärft die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe. Und es ergänzt das Bild der Welt, das man selbst sich von ihr gemacht hat, um die Teile, die man dabei übersehen hat. Durch das, was der Mitspieler sieht, wird das eigene Weltbild bereichert und die Lücken in unserer Sicht der Welt geschlossen.

Heute ist Diskussion oftmals Streit, nicht mehr Meinungsaustausch, erbitterter Kampf ums Rechthaben, nicht mehr befruchtendes Spiel mit den Dingen der Welt. Das Bereichernde des Meinungsaustausches ist verkümmert unter dem Desinteresse der Besserwisser und Rechthaber.

Wie aber will man eine Welt verändern, deren Wirklichkeit man nicht erkennt? Dabei hätte die Welt es bitter nötig, denn sie ist in einem erbärmlichen Zustand. Das Elend der Welt wird nicht behoben durch das Dreschen radikaler Phrasen und auch nicht durch die Menetekel der apokalyptischen Reiter, die überall Untergang, Verschwörung und Verrat sehen. Sie wird auch nicht besser durch die Voraussagen derer, die so tun, als wüssten sie ganz genau, was die Zukunft bringt. Diese täuschen nicht nur die anderen, sondern in erster Linie sich selbst.

Um aus der Welt ein behagliches und friedliches Heim für die Menschheit zu machen, braucht es Besonnenheit und Vernunft. Doch setzt sich nur soviel Vernunft durch, wie die Vernünftigen durchsetzen. Dieser Satz des großen Bert Brecht erscheint einfach, fast banal. Aber er ist, wenn seine Bedeutung erst einmal erkannt und vor allem seine Wahrheit gelebt wird, genauso weltverändernd wie die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist und keine Scheibe. Diese Erkenntnis öffnete Horizonte und vor allem die Meere und schuf damit eine neue Welt. Vernunft und Erkenntnis, damals wie heute, müssen erkämpft werden. Sie kommen nicht von allein und werden nicht von allen willkommen geheißen. Denn mit dem Alten verbinden sich mächtige Interessen, die den Wandel als Bedrohung empfinden.

Der Vernunft eine Presche zu schlagen, das ist eine große Aufgabe, und sie beginnt ganz bescheiden. Rosa Luxemburg verstand es, dieses Beginnen in fast zerbrechlicher Einfachheit und doch gleichzeitig auch voller Kraft und Zuversicht auszudrücken:

Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat. 

Zu sagen, was ist: Das ist „das Einfache, das schwer zu machen ist.“ Dieses Wort von Brecht bezog sich zwar auf den Sozialismus, aber es trifft genau so zu auf das Erkennen der Wirklichkeit, die uns umgibt.

Das sind alles große Worte, denen mit Sicherheit auch diejenigen zustimmen, die sich eigentlich im ihrem alltäglichen Leben ganz anders verhalten. Und trotzdem sind sie richtig und sollten als Leitlinien gelten, auch wenn sie nicht immer einfach umgesetzt werden können. Aber gerade das Erkennen ist ja das Schwierige. Wann ist die Wirklichkeit als richtige Wirklichkeit erkannt und nicht als Trugbild der Wirklichkeit? Wann ist sie Wirklichkeit und nicht das, was man uns als Wirklichkeit verkaufen will? Wann ist sie scheinbare Wirklichkeit, womit unsere Wahrnehmung, unsere Meinung und damit unser Weltbild verzerrt und manipuliert wird?

Wenn unser Weltbild, d.h. das Bild, das wir uns von der Welt machen, übereinstimmt mit der Welt, wie sie ist. Wenn es zwischen unserem Bild von der Welt und der wirklichen Welt keine Widersprüche mehr gibt. Das aber setzt voraus, dass wir ehrlich umgehen mit unseren Beobachtungen und unserer Wahrnehmung. Dass wir nicht das, was uns an der äußeren Welt nicht passt, unter den Tisch fallen lassen. Dass wir ehrlich und vom Interesse an Erkenntnis getrieben, dasjenige in unserem Weltbild benennen, was mit der wirklichen Welt außerhalb unseres Welt-Bildes nicht übereinstimmt.

Wer die Widersprüche zwischen der Welt und dem Bild, das er sich von der Welt macht, unter den Tisch fallen lässt, betrügt nicht die Welt sondern sich selbst. Der Welt und der Wirklichkeit ist es egal, ob wir sie richtig erkennen. Der Erde war es schnuppe, ob die Menschen sie für eine Scheibe hielten. Sie war trotzdem eine Kugel. Nur die Menschen haben sich über Jahrhunderte die Chance genommen, über die offenen Meere zu fahren, weil sie Angst davor hatten, vom Rand der Scheibe in die ewige Verdammnis zu fallen.

Wie die Wirklichkeit erkennen? Der Maler macht es so: Er stellt die Staffelei mit der Leinwand vor sich hin, zwischen sich und das Motiv, also das wirkliche Bild in der wirklichen Welt, das er auf die Leinwand bringen will. Er beginn, seine VORSTELLUNG von der Welt, auf diese Leinwand zu übertragen. Die Vorstellung, die wir uns von der Welt machen, steht immer zwischen uns und der Welt. Sobald der Maler seine Vorstellung, sein Weltbild, auf der Leinwand festgehalten hat, wendet er seine Aufmerksamkeit ab von seiner Vorstellung hin zu dem Motiv, dem Teil der Welt, den er darstellen will. Blick und Aufmerksamkeit wandern immer hin und her zwischen der Welt und seiner Vorstellung von der Welt. Er vergleicht dabei Vorstellung und Wirklichkeit miteinander. Und dort, wo er feststellt, dass sein Bild, seine Vorstellung von der Welt, nicht übereinstimmt, mit der Wirklichkeit, dort greift er ein. Er verändert SEIN BILD, seine Vorstellung von der Welt. Er verändert nicht die Welt, sondern sein Bild von der Welt. Er macht also nicht, was der Rechthaber in der Diskussion macht. Der Maler, der an der Darstellung der Wirklichkeit interessiert ist, verändert SEIN Bild. Der Rechthaber setzt alles daran, sein Bild aufrecht zu erhalten, auch wenn es von der Wirklichkeit, die er erkennen zu wollen  vorgibt, abweicht.

Es gelingt ihm vielleicht, Recht zu behalten und die anderen zu täuschen. Aber was ist damit gewonnen? Zur Erkenntnis ist er nicht gekommen und die Welt wird ihm immer unverständlicher werden. Aber darum geht es ja: Die Welt zu verstehen. Denn nur wer sie versteht, wird auch erkennen, wo die Hebel angesetzt werden können, um die Welt zu verändern.

Nun ist es für den Maler einfacher, die Fehler in seinem Weltbild zu erkennen, als das bei schwierigen gesellschaftlichen Erscheinungen und Entwicklungen der Fall ist. Hier hilft der oben bereits erwähnte Meinungsaustausch, das Ich-sehe-was-,-was Du nicht siehst. Der ernstgemeinte und vom Erkenntnisinteresse getragene Meinungsaustausch führt zur Abrundung unserer Bildes von der Wirklichkeit. Er sorgt dafür, dass im Austausch der Sichtweisen ein Weltbild entsteht, das sich der Wirklichkeit immer mehr annähert und die Wirklichkeit immer mehr erkennt in ihrer gesamten Fülle.

 

 

 

 

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